Die unsichtbaren Spezialisten
Schaffhausen gehört zum drittgrössten Pharma und Medtech-Cluster der Schweiz. Die grossen Firmennamen darin sind bekannt. Was die Statistik nicht zeigt: Neben ihnen hat sich ein Netzwerk hochspezialisierter Zulieferer entwickelt, das den globalen Pharma- und Medtech-Markt bedient –und in keiner Branchenstatistik erscheint.
Die Zahlen zum Schweizer Life-Science-Sektor sind eindrücklich. Die Branche sichert rund 50 000 direkte Arbeitsplätze, löst etwa 250 000 weitere aus und trägt zusammen mit der Medtech-Industrie zu mehr als die Hälfte aller Schweizer Warenexporte bei. Während traditionelle Industrien im ersten Halbjahr 2026 unter dem starken Franken und volatilen Märkten litten, zeigte der Life-Science-Sektor wieder einmal, dass er ein zuverlässiger Wachstumsmotor für das ganze Land ist.
Der Standort Schaffhausen spielt dabei aktiv mit: Gemeinsam mit Zürich, Zug und Luzern bildet der Kanton gemäss Interpharma den drittgrössten Pharma- und Medtech-Raum der Schweiz. Zu den grössten Unternehmen gehört Johnson & Johnson: Gegründet als Cilag, ist der Konzern seit 90 Jahren am Standort vertreten, beschäftigt rund 2'000 Mitarbeitende und investierte in den letzten 25 Jahren weit über eine Milliarde Franken. Ebenso prägend für die Region ist Merck Eprova. Das renommierte Unternehmen produziert in Schaffhausen hochspezialisierte Wirkstoffe – darunter reduzierte Folate, bei denen es weltweit führend ist. Insgesamt arbeiten rund 3000 Personen direkt in der Pharma und Medtech-Branche im Kanton. Doch die Bedeutung des Pharma- und Medtech Clusters reicht weit über die reinen Wirkstoff- und Medizinaltechnikproduzenten hinaus und greift tief in die klassische Präzisionsindustrie ein. Zählt man die Arbeitsplätze bei den hochspezialisierten Zulieferbetrieben hinzu, liegt die reale Zahl der Beschäftigten, die für den Life-Science-Sektor tätig sind, deutlich höher.
Tief verwurzelt
Neben dem Maschinenbau hat der Werkzeug- und Formenbau eine grosse Bedeutung in der Schaffhauser Wirtschaft. Auf dem Fundament der regionalen Feinmechanik- und Uhrenindustrie, die das Fingerspitzengefühl für Mikrometer zur lokalen DNA gemacht hat, entstanden ab den 1930er-Jahrendurch die Werkzeugmacher-Pioniere zahlreiche für Spritzguss-Werkzeuge für die Medizinaltechnik hervorgingen. Sie sind Teil eines erfolgreichen hochspezialisierten Formenbau- und Spritzguss Clusters, der sich von Stein am Rhein bis hin in den Klettgau über den ganzen Kanton und in die Nachbarregionen erstreckt.
Präzisionsbetriebe, die ihre Prozesse und Reinräume auf den anspruchsvollen Medtech und Pharmamarkt ausgerichtet haben, erscheinen in der Wirtschaftsstatistik als Werkzeugbauer oder MEM-Betriebe und nicht als Teil der Gesundheitsbranche. In der Praxis fertigen sie jedoch unter hohen regulatorischen Auflagen jene Hochpräzisionswerkzeuge und mikrometergenauen Komponenten, ohne die moderne Insulinpens, Dosier-Nasensprays, Infusionssysteme oder Dialyse-Filter gar nicht produziert werden können und nicht so zuverlässig funktionieren, wie sie müssen. Was diese Betriebe international konkurrenzfähig hält, ist Prozesssicherheit, Fertigungstoleranzen im Hundertstel-Millimeterbereich und eine Fertigungstiefe, die sich auf dem Weltmarkt nicht ohne Weiteres replizieren lässt. Trotz des Schweizer Hochlohn- und Währungsdrucks sichern sie sich damit ihren Platz in den globalen Lieferketten.
Wie diese Dynamik in der Praxis funktioniert, zeigen exemplarisch zwei Schaffhauser Unternehmen auf den folgenden Seiten: Die Neuhauser KEBO AG – mit einer Exportquote von über 90 Prozent – steht für den hochfokussierten Familienbetrieb, der globale Pharmakonzerne direkt mit komplexen Multikavitäten-Werkzeugen beliefert. Seit einigen Monaten ist KEBO zudem Teil der französischen Plastisud-Gruppe. SMC Mould Innovation AG in Hallau zeigt eine andere Entwicklungslinie: Der Klettgauer Traditionsbetrieb ist seit 2024 Teil der weltweiten SHL-Medical-Gruppe – als Spezialist für Spritzgussformen, eingebettet in eine global integrierte Wertschöpfungskette.
Innovation als Vorwärtsstrategie
Der Wirtschaftsstandort Schaffhausen hat lange mit dem attraktiven Kosten- und Steuerumfeld als Hauptargument Unternehmen angezogen. Da der Steuervorteil erodiert, muss das Produkt «Schaffhausen» heute viel stärker mit anderen Argumenten überzeugen. Der Kanton setzt deshalb seit 2016 konsequent auf die Verbesserung des Innovationsökosystems: Die Stärkung bestehender Branchenstärken – Materialwissenschaften, Pharma & Medtech, Fertigungstechnik, Lebensmittel- und Gebäudetechnologie – wird mit der Förderung von Querschnittskompetenzen in Automation, Robotik, Künstlicher Intelligenz und Zirkularität verknüpft. Ziel ist, es ein Innovationsumfeld zu schaffen, das ansässigen Unternehmen Zugang zu Schlüsseltechnologien der Zukunft bietet und gleichzeitig Unternehmen und Talente von aussen anzieht. Kernelement sind anwendungsorientierte Kompetenzzentren.
Für den starken Schaffhauser Pharma- und Medtech-Cluster entsteht um den Verein be circular ein solches Kompetenzzentrum. Es geht darum, den Materialkreislauf im Gesundheitswesen zu schliessen. Be circular bringt Unternehmen, Wissenschaft und öffentliche Partner für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Anwendung neuer Technologien zusammen – mit Pilotanlagen für die Wiederverwendung von Materialien direkt in der Region. Ein weiteres Kompetenzzentrum ist das Centre for Sustainability Robotics CCSR, das in Zusammenarbeit mit der Empa aufgebaut wird. Das CCSR schafft in Schaffhausen die Möglichkeit für den Einsatz der neusten Technologien mit Industriepartnern vor Ort. Der Knorri Park soll die Strategie als Swiss Food Competence Hub im Bereich Lebensmitteltechnologie ergänzen.
Die Wirtschaftsförderung Kanton Schaffhausen steht als Impulssetzer hinter diesen Initiativen. Sie unterstützt die strategische Vernetzung innerhalb der Region sowie mit Akteuren von aussen und nutzt die Kompetenzzentren als Magnete, um neue Unternehmen in die Region zu ziehen – mit dem Ziel, den Standort nachhaltig wettbewerbsfähig und zukunftssicheraufzustellen.
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