Mikrometer für den Nasenspray

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Auf den ersten Blick wirkt das weisse Kunststoffteil unscheinbar: der oberste Teil eines Nasensprays, mit seiner konischen Form und der glatten Oberfläche. «Wir stellen bei KEBO sozusagen die Kuchenbackform für solche anspruchsvolle Kunststoffartikel her», erklärt Geschäftsführer Alexander Anders.

KEBO ist spezialisiert auf die Entwicklung und Herstellung von Spritzgusswerkzeugen. Hochpräzise Metallformen, mit denen Kunststoffteile für die Pharma- und Medizinaltechnik in grossen Volumina hergestellt werden.

Häufig zeigt sich die Komplexität erst auf den zweiten Blick: Damit der Inhalt des Sprays feinst zerstäubt in die Nase gelangt, bedarf es einer hochpräzisen Geometrie im Inneren des Sprayaufsatzes – und damit auch im metallischen Abbild im Produktionswerkzeug. Um solche Geometrien reproduzierbar herzustellen, braucht es viel technische Expertise. Das ganze Wissen und die langjährige Erfahrung der rund 90 Mitarbeitenden in Neuhausen am Rheinfall stecken in diesen Formen, an denen vom Auftragseingang bis zur Auslieferung bis zu einem Jahr gearbeitet wird.

Medizinaltechnik statt Verpackungsmarkt

1979 wurde KEBO von Alfons Keller und Charles Bodenmann gegründet. Bereits 1986 stieg Gerold Keller in den Familienbetrieb ein und übernahm einige Jahre später zusammen mit Daniel Bodenmann das Unternehmen in der zweiten Generation. «Wir haben mit viel Risiko begonnen», sagt Keller rückblickend. Was sie damals hatten: das handwerkliche Erbe einer Region, die seit den 1950er-Jahren eine Hochburg des Präzisionsformenbaus war, geprägt von der Uhrenindustrie, die das Fingerspitzengefühl für Mikrometer zur regionalen DNA gemacht hatte. Heute ist KEBO mit einer Exportquote von über 90 Prozent praktisch vollständig auf den Weltmarkt ausgerichtet und zählt die grössten Pharma- und Medizintechnikkonzerne zu seinen Kunden.

«Wir befinden uns konstant im wirtschaftlichen Fitnesstraining»

Aussage von Alexander Anders (links im Bild), Managing Director / CEO mit Gerold Keller, Managing Directorund Partner

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Weichenstellung für die Zukunft

Ende Juni 2026 haben Keller und Bodenmann einen weiteren Meilenstein in der Firmengeschichte gesetzt: KEBO wird Teil der französischen Plastisud-Gruppe – ebenfalls ein mittelgrosses Familienunternehmen, das im Verschluss- und Verpackungsmarkt positioniert ist. «Es war uns ein grosses Anliegen, die Zukunft frühzeitig zu sichern. Für die Mitarbeitenden und für unsere Kunden», sagt Keller. Kunden in der Pharmabranche planen in Jahrzehnten. Sie müssen wissen, dass der Partner, der heute ihre Werkzeuge baut, auch in zwanzig Jahren noch Ersatzteile liefert und für Unterhalt einsteht. Vertrauen ist zeitintensiv – und nicht übertragbar.

Der Zusammenschluss mit Plastisud stärkt die Marktposition beider Unternehmen im rauen wirtschaftlichen Umfeld. Geopolitische Krisen schlagen über den Ölpreis direkt auf die Kosten der im Spritzguss verwendeten Kunststoffe, der starke Franken drückt, US-Zölle erschweren das Geschäft in Nordamerika. «Wir befinden uns konstant im wirtschaftlichen Fitnesstraining», betont Anders. Um den Schweizer Preisaufschlag im globalen Wettbewerb zu rechtfertigen, müsse das Unternehmen technologisch immer ein paar Schritte voraus sein.

Menschliche Präzision – KI-resistentes Handwerk

Das zentrale Verkaufsargument für die Neuhauser Werkzeuge ist und bleibt die extreme Fertigungsgenauigkeit: KEBO garantiert Toleranzen im Bereich von Hundertstel-Millimetern – etwa ein Zehntel der Dicke eines A4-Blattes. Um diese Spitzenwerte zu erreichen, braucht es ein enges Zusammenspiel von HighTech und handwerklichem Können. Der Faktor Mensch bleibt trotz moderner Fertigungstechnik unverzichtbar. Um die letzten Kratzer zu entfernen, werden die Oberflächen der Werkzeugteile teilweise von Hand poliert. Denn eine einzige winzige Unebenheit in der Stahlform würde sich sonst milliardenfach im Kunststoff abbilden und das Endprodukt mitunter unbrauchbar machen.

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Innovation im Schulterschluss

Sind die Formen fertig, beginnt die ausgiebige Testphase. «Unsere Kunden kommen aus der ganzen Welt zu uns nach Neuhausen und prüfen die neuen Formen und die Spritzgussteile teilweise auf ihren eigenen Maschinen», erklärt Anders. Die Werkzeuge sind danach oft 10 bis 15 Jahre im Einsatz und liefern im Sekundentakt Bauteile. Für Pharmakonzerne rechtfertigt dieser Dauereinsatz die langen Entwicklungszeiten und die anspruchsvolle Validierung neuer Produktionsprozesse.

Aus den langjährigen Kundenbeziehungen erfährt KEBO früh, wo die Entwicklung im Medtech-Markt hingeht. KEBO sucht den Austausch mit Partnern – etwa Maschinenbauern aus der Schweiz und dem süddeutschen Raum – um komplexe Gesamtlösungen zu entwickeln. So entstand auch die neueste Technologie: In-Mold-Labeling für die Medizintechnik. Bei diesem Verfahren wird die Beschriftung direkt in den Spritzgussvorgang integriert. «Solche Entwicklungen brauchen einen langen Atem, da der Medtech-Markt sehr zurückhaltend agiert», erklärt Keller.

Die härteste Währung: Vertrauen

KEBO gehört heute zu einem exklusiven Kreis von weltweit wenigen Werkzeugbauern, die in dieser Präzisionsklasse fertigen und globale Pharmafirmen beliefern. In dieser Branche ist das Vertrauen die härteste Währung, betonen Anders und Keller. Mit der Ausrichtung auf höchste Standards, der eigenen Nachwuchsförderung und der Einbettung in die Plastisud-Gruppe sichert KEBO auch künftig eine feste Position auf der Weltkarte der Medizintechnik.

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