Der Reichtum im Abfall
Vierzigtausend Tonnen. Soviel Medizinabfälle fallen jedes Jahr in der Schweiz an. Eine Zahl, die abstrakt klingt, bis man sie stapelt: Alle sechs Jahre könnten wir damit das grösste Containerschiff der Welt beladen, die «Ever Alot». Auf ihren 400 Metern Länge lägen Spritzen, Masken, Pens, Prothesen, Implantate, OP-Kittel, Sterilisationsvliese, Einwegbesteck. Hochwertig, präzise und teuer. Und am Ende: nichts als Rauch und Asche.
Woran viele nicht denken: dieser Abfall hat Premium-Qualität. In der Pharma- und Medtech-Branche kommen nur die besten Materialien zum Einsatz: reiner Titan, hochlegierter Stahl, Kunststoffe mit höchsten Materialgraden. Und doch wird Jahr für Jahr genau dieses Material in Hochleistungsverbrennungsanlagen vernichtet. Mit ihm verschwinden nicht nur Rohstoffe, sondern auch Millionen
von Franken. Bezahlt von Spitälern, und am Ende von uns allen.
Wegwerfen macht abhängig
Mit der Verbrennung endet auch die Wertschöpfung. Nach einmaliger Nutzung heisst es: Reset. Neue Produktionsketten müssen gestartet und Rohstoffe auf Weltmärkten teuer eingekauft werden. Zu Preisen, die schwanken wie der Ölpreis in Krisenzeiten. Zölle steigen, Lieferketten reissen, geopolitische Spannungen nehmen zu. Für ein kleines, rohstoffarmes Land wie die Schweiz ist das eine riskante Abhängigkeit.
Hier schlägt be circular die Brücke. Gegründet im vergangenen Dezember von Cedric Gysel und einer Gruppe versierter Kreislauf-Unternehmer, bündelt der Verein die
nötige Expertise, um die Wertschöpfung neu zu denken. Hinter der Initiative steht ein interdisziplinäres Netzwerk aus Wirtschaft und Wissenschaft mit einer klaren Mission: den Materialkreislauf der Schweizer Pharma- und Medtech-Branche zu schliessen. «Indem wir Rohstoffe im Land halten und Materialströme effizient lenken, brechen wir die Abhängigkeit von globalen Lieferketten und stärken
unsere nationale Resilienz», sagt Cedric Gysel.
Neues Leben im Kreislauf
Wie das konkret aussehen kann, zeigt ein scheinbar unspektakuläres Produkt: das Infusionsset. Damit gelangen Elektrolyte oder Medikamente direkt in die Vene. Täglich millionenfach in Spitälern und Pflegeeinrichtungen im Einsatz, und doch endet sein Leben heute nach einmaligem Gebrauch. In Cedric Gysels Vision beginnt es dann erst richtig. Das Infusionsset wird automatisiert aus dem kontaminierten Abfall aussortiert und in seine Bestandteile zerlegt: Verbindungsschlauch, Pumpenanschluss, Kanülen. Jedes Material wird getrennt und in seine reine Form zurückgeführt. Das Ergebnis: begehrte, hochwertige Rohstoffe, die wieder dem Gesundheitsbetrieb zur Verfügung stehen. Kunststoffe werden zu Abfallbehältern oder Sammelboxen im Spital. Metalle fliessen zurück in die Produktion. Langfristig sollen so geschlossene Kreisläufe entstehen und aus Medizinalprodukten wieder Medizinalprodukte werden.
Im Abfall steckt Intelligenz
Schon nach wenigen Recycling-Zyklen sinken die Herstellungskosten massiv, der CO₂-Fussabdruck reduziert sich um bis zu 80 Prozent, und ganz nebenbei fliessen wertvolle Daten zurück an die Hersteller. Denn Kreislaufwirtschaft macht intelligent: Produzenten können Nutzungszahlen analysieren, Lagerbestände optimieren, Fälschungen erkennen, Defekte identifizieren und von benutzten Produkten lernen – um sie auch für ihre Nutzer besser und günstiger zu machen.
Allein die rund vierzigtausend Tonnen Medizinabfälle, die heute jedes Jahr in der Schweiz verbrannt werden, bilden eine gewaltige neue Rohstoffquelle und eine ebenso grosse Chance für neue Wertschöpfung. Kein Wunder, dass sich bereits zehn Unternehmen aus den Bereichen Pharma, Medizintechnik und Anlagenbau als feste Mitglieder.

«Wir haben die Chance, dass mit dem angewandten Wissen vor Ort eine Industrie rund um die Zirkularität entsteht.»
Cedric Gysel, Mitgründer von be circular, in seinem Büro auf dem SIG-Areal. Der Sharps-Container auf dem Tisch ist seine ständige Inspirationsquelle: medizinischem Abfall einen neuen Wert zu geben.
Ein Inkubator, der nicht nur denkt, sondern macht
Der Verein versteht sich als unabhängiger Inkubator für alle, die in die Zukunft der Ressourceneffizienz investieren wollen. Die Voraussetzungen in Schaffhausen sind da. «Wir haben einen der dichtesten Pharma- und Medtech-Industriecluster der Schweiz und Zugang zu Weltklasse-Forschung», erklärt Cedric Gysel. «Wir sind stark im Maschinenbau, in der Materialindustrie, haben Kompetenzen in Machine Vision, Automatisierung, Robotik und Big Data. Wir haben spezialisierte Unternehmen, die Sortier- und Zerlege-Anlagen entwickeln könnten und damit die Chance, dass mit dem angewandten Wissen vor Ort eine ganze Industrie rund um die Kreislaufwirtschaft entsteht.»
Die erste Pilotanlage nimmt Form an
Damit das gelingt, müssen Zulieferer, Hersteller, Forschung und Behörden zusammenspielen. Kreislaufwirtschaft ist kein Solo, sie ist ein Orchester. Und Cedric Gysel weiss, wie man die Stärken der Region ausspielt. Zusammen mit Studierenden der ZHAW und der Stanford University wurde bereits ein Prototyp entwickelt, der Container für Medizinabfälle autonom öffnet und Medizinprodukte via Machine Vision erkennt und sortiert. Die nächsten Schritte stehen bevor: Der Verein plant Versuchs und Entwicklungsanlagen auf dem SIG-Areal in Neuhausen, gefolgt von einer ersten industriellen Pilotanlage in der Schweiz.
Auch Anwendungen aus der Region fliessen mit ein. Gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeitsrobotik EMPA soll getestet werden, wie Technologien, die in Drohnen zum Einsatz kommen, auch beim Sortieren einzelner
Bauteile unterstützen können. Weitere Partner sind eingeladen, sich zu beteiligen, um Investitionskosten zu bündeln und frühzeitig von den neuen Stoffkreisläufen zu profitieren.
Schaffhausens Branchenstärken ausspielen
Woran könnte das Projekt also noch scheitern? «Jetzt braucht es Mut für Anfangsinvestitionen und das Know-how lokaler wie internationaler Partner», so Cedric Gysel. Dass Kreisläufe funktionieren, beweisen PET, Glas oder Aluminium längst. Die Pharma- und Medtech-Industrie ist zwar weitaus komplexer, doch
genau hier liegt der Hebel: Das gewonnene Wissen lässt sich später auf andere anspruchsvolle Branchen übertragen, etwa die Automobilindustrie.
Denn eines ist sicher: Geschlossene Kreisläufe machen eine
Volkswirtschaft resilient und halten die Wertschöpfung im
Land. Und vielleicht ist genau das die Pointe dieser Geschichte:
Was wir heute noch wegwerfen, könnte morgen Wachstum, Innovation und Wohlstand nach Schaffhausen und in die ganze
Schweiz bringen. Man muss es nur aufheben.
Weiterführende Informationen für Mitglieder und Interessierte: be-circular.com

Studierende der ZHAW (Winterthur) und der Stanford University (Kalifornien) haben gemeinsam einen Prototypen entwickelt, der Container für Medizinabfälle autonom öffnet und Medizinprodukte via Machine Vision erkennt und sortiert.
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