Nicht im Takt und tickt doch richtig –Swiss Rebel Made
«Rebellisch, erfolgreich, unabhängig, aktiv …» Wenn CEO Edouard Meylan einen typischen Kunden beschreibt, ertappe ich mich beim Wunsch, selbst Moser-Uhren Besitzerin zu sein. Und schon hat die Markenmagie gewirkt. Denn genau das ist sein Ziel: «Unsere Kunden wollen mehr als eine Uhr. Sie wollen Teil der Moser-Familie sein.»
Von null auf 100 Mio. Jahresumsatz. Vom Altherren-Image zum Enfant terrible, das den Luxusuhrenmarkt aufmischt. Was andere Marken mühsam aufzubauen versuchen, ist Edouard Meylan und seinem 100-köpfigen Team in den letzten 13 Jahren eindrücklich gelungen. «Unser Erfolg liegt darin, konsequent anders zu sein. Kreativität ist der einzige Weg, ein echtes Statement zu machen.» Für H. Moser & Cie. hat’s funktioniert. «Wenn wir ein Thema mit Leidenschaft, Humor und Provokation verfolgten, nahmen uns die Medien ernst und berichteten. Auch ohne grosses Budget.» Für den Schaffhauser Uhren-Rebell der Beweis: «Man darf nicht zu viel auf andere hören, sonst macht man’s wie alle anderen.»
Gegen den Mainstream als Konzept
Während bei traditionellen Luxusuhren das Logo gross auf dem Zifferblatt prangt, lassen H. Moser & Cie. es einfach weg. Andere eröffnen Flagship-Boutiquen auf den Boulevards der Weltmetropolen. Edouard Meylan empfängt seine Kunden im unscheinbaren Firmengebäude am Waldrand von Neuhausen. Andere betonen ihre Swissness. Der Firmenchef lanciert ein Videomanifest, in dem seine Uhr vorschlägt, sich das Alphorn in sein Schweizerkäseloch zu stecken, und spielt darin selbst die Hauptrolle. Edouard Meylan spricht mit feinem französischem Akzent – schnell und präzise, wie das perfekt getaktete Uhrwerk einer Moser Streamliner. Und spiegelt damit selbst wider, was den typischen Moser-Kunden ausmacht: Eleganz, Understatement, Smartness und Humor

Luxus ist, nicht jedem gefallen zu müssen
Mittlerweile kann sich der Uhrenstar aus Neuhausen den wahrscheinlich schönsten Luxus überhaupt leisten: nicht jedem gefallen zu müssen. «Es ist vollkommen okay, wenn jemand unsere Uhren nicht mag», sagt Edouard Meylan mit einer Nonchalance, die ansteckend wirkt. Wer würde da nicht gleich die nächste Bestellung aufgeben? Man sollte sich allerdings ranhalten: Uhren-Aficionados warten nicht selten bis zu drei Jahre auf ihre Moser. Bei nur 4000 produzierten Stücken pro Jahr kein Wunder. Und das Unternehmen tickt präzise. Der Durchschnittspreis liegt bei etwa 40 000 Franken pro Uhr. Das teuerste Modell ist für 1,5 Mio. Franken zu haben. Dafür bekommt man allerdings auch rund hundert Diamanten dazu. Fair enough.
Für Sie, Ihn und alle dazwischen
Dass trotzdem nur jeder zwanzigste Moser-Kunde eine Frau ist, verwundert. Schliesslich sind die grösstenteils Unisex-Modelle herrlich inklusiv. «Unsere Designs kommen auch bei Frauen gut an», sagt der 49-Jährige. «Nur ist der Durchmesser unserer Uhren für sie oft zu gross.» Kleinere Modelle werden nächstes Jahr lanciert, zusammen mit einer Strategie, die die extrem unabhängige, aktive Businesswoman anspricht. Wen auch sonst?
Von Handarbeit bis 3D-Druck
Bei der männlichen Zielgruppe besonders beliebt: die auf 50 Stück limitierte Konzeptuhr 01100111 01100101 01101110 01100101 01110011 01101001 01110011. Oder, für alle Mainstreamer unter uns, die kein Binärcode sprechen: Endeavour Centre Genesis. Die 3D-gedruckte Krone und Lünette aus Titan zeigen nachgebaute Pixel, farblich perfekt abgestimmt auf das Gehäuse aus glasperlgestrahltem Edelstahl. Über einen in das Saphirglas eingravierten QR-Code erhält der Besitzer privilegierten Zugang zum virtuellen Ökosystem der Marke, inklusive Blockchain und NFTs. In diesen Tagen erscheint die zweite Generation. Sie ist nicht nur, wie der Moser-Claim verspricht, «very rare», sondern ausschliesslich über persönliche Einladung eines der 50 Besitzer der ersten Generation erhältlich. So entsteht Familie, die sich längst über alle Kontinente spannt: Mit rund 30 Prozent Marktanteil in Amerika, 25 Prozent in Europa, 35 Prozent in Asien und 10 Prozent im Mittleren Osten ist Moser & Cie. global zu Hause.
«Kreativität ist der
einzige Weg, um ein
echtes Statement zu machen.»
Edouard Meylan, CEO von H. Moser & Cie.

Die Kleinsten unter den Grossen
«Mittlerweile sind wir die Kleinsten unter den ganz Grossen», sagt Edouard Meylan stolz. Auf der weltberühmten Uhrenmesse «Watches and Wonders» in Genf nimmt H. Moser & Cie. im kommenden April erstmals Platz zwischen den historischen Marken ein. «Wir sind umringt von Vacheron, Cartier, IWC und Lange. Das ist, als würde der FC Schaffhausen in der Champions League spielen.» Wenn einem die grosse weite Welt des Luxus zu Füssen liegt, warum ausgerechnet Schaffhausen?
«Alles andere ergibt keinen Sinn», sagt Edouard Meylan mit dieser typischen Klarheit. Die Menschen, die Geschichte der Marke mit ihrem Gründervater und Moserdamm-Schaffer Heinrich Moser sowie die Nähe zum Sparringpartner IWC wisse man zu schätzen. «Würden wir woanders hingehen, verlören wir unsere Seele.» Dann blitzt wieder der Rebell in ihm auf: «In Biel, Le Locle oder Genf mit allen anderen Uhrenmachern zu sein, das kann schliesslich jeder.» Er meint es ernst. Kürzlich haben H. Moser & Cie. dank einer Vermittlung durch die Wirtschaftsförderung ihren neuen Standort in Neuhausen klargemacht: 6000 Quadratmeter im historischen SIG-Areal, mit Blick auf den Rheinfall. Direkt beim Moserplatz, wie es der Zufall (oder das Schicksal) will. «Am neuen Standort haben wir die Möglichkeit, eine grosse Geschichte zu erzählen», sagt Meylan. «Und die muss», wie alles, was der Firmenchef in die Hand nimmt, «richtig gut sein».
Zeit, die keine ist
Ohne einmal auf die Uhr zu schauen, endet unser Gespräch exakt nach 60 Minuten. Als würden Edouard Meylans Worte von einem unsichtbaren Zeiger gelenkt. Und obwohl ihn die Zeit seit seiner Kindheit definiert, ist sie gleichzeitig die Antwort
auf die letzte Frage, was denn sein grösster Luxus sei: Zeit selbst. Ein schöner Beweis dafür, dass man sich den ganzen Tag voller Leidenschaft etwas widmen kann, ohne es zu haben.Eigentlich genau wie ich und eine Moser-Uhr. Tröstlich.
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